Der Dirigent

Vom "Opernball" zum "Lied von der Erde"


"… denn er ist ein Künstler unter den Musikern."

Erich Steinhard

Wenn Zemlinsky das Dirigentenpult betrat, wurde aus dem kleinen, unscheinbaren Mann ein Musiker von ungeheurer Autorität, Präsenz und körperlicher Ausstrahlung. "Schon das Schulterzucken, wenn er den Stab hebt, ist Musik", schrieb Franz Werfel.

Als Dirigent genoss Zemlinsky schon in Wien, vor allem aber in Prag und auf den Gastspielen, die ihn in später durch Europa führten, große Hochachtung. Seine Zeitgenossen betonten die geistige Durchdringung, den Klangsinn und das dramatische Gespür seiner Dirigate. Nicht technische Virtuosität und radikale Interpretationen zeichneten sie aus, sondern Zemlinskys Vermögen, die Musik selbst sprechen zu lassen. "Zemlinsky fühlt die Musik und gestaltet sie, indem er sie fühlt. Denn er ist ein Künstler unter den Musikern", formulierte Erich Steinhard.

Für Schönberg war sein Musizieren "vor Allem ein ästhetischer, mehr noch: moralischer Genuß", er bewunderte seine "natürliche, ungezwungene, selbstverständliche Größe". Das wohl schönste Lob jedoch erhielt Zemlinsky lange nach seinem Tod, als sich Igor Strawinsky 1964 erinnerte: "Aber ich glaube, von allen Dirigenten, die ich gehört habe, würde ich Alexander von Zemlinsky als den überragenden Dirigenten wählen, und das ist ein reifes Urteil."
Am meisten zu Hause fühlte sich Zemlinsky im deutschen Repertoire: Die Opern von Strauss, Wagner, Schreker und Weber, die Orchesterwerke von Beethoven, Brahms, Strauss und Mahler standen im Zentrum seines Wirkens – und immer wieder Mozart, für den er ein spezielles "Händchen" hatte: "Ich erinnere mich einer Aufführung von ,Figaros Hochzeit' in Prag als der zufriedenstellendsten Opernaufführung, die ich je gehört habe." (Strawinsky)

Besonders engagierte sich Zemlinsky zudem für zeitgenössische Werke. Namentlich in Prag konnte er kraft seines Amtes die Aufführung vieler neuerer Opern und Orchesterwerke durchsetzen, so darunter vieles von Schönberg sowie Kompositionen von u.a. Berg, Bartók, Dukas, Ravel, Korngold, Krenek, Janácek, Schulhoff, Hindemith, Honegger, Milhaud und Weill.

 

Image


Zemlinsky-Karikatur von Maria Weigl. Zemlinskys Äußeres wurde in Wort und Bild häufig thematisiert, selten zu seinen Gunsten: "Er war ein scheußlicher Gnom. Klein, kinnlos, zahnlos, immer nach Kaffeehaus riechend, ungewaschen […]", schrieb Alma Mahlers launische und zuweilen bösartige Feder. Ein anderer Zeuge, Elias Canetti, begegnete Zemlinsky regelmäßig in der Wiener 38er Tram:
"[…] ein schwarzer Vogelkopf, mit vorspringender Dreiecksnase, dem jedes Kinn fehlte." Viele Karikaturisten ergötzten sich an seinem markanten Profil und seiner drahtigen Gestalt.




Image


Brief von Robert Kolisko an Louise Zemlinsky, 1963.
Kolisko, ein Schüler Zemlinskys, war 1. Kapellmeister am Züricher Stadttheater und dirigierte dort am 14. 10. 1933 die Uraufführung von Zemlinskys "Kreidekreis".
Der damals 71-jährige erinnert sich an seinen Lehrer: "Immer immer denke ich an den Meister Zemlinsky und was für ihn als Interpretations-Kunst gegolten hat, gibt es heute kaum mehr, leider. Mit ergebenstem Handkuß und allen guten Wünschen, Ihr ergebener Robert Kolisko."