Prag 1911-1927 II

Jahre der Meisterschaft

Prague 1911–1927


„Er stammt aus dem Innersten der Musik“
Franz Werfel


Sechs vollendete neue Werke in 16 Jahren – quantitativ war der kompositorische Ertrag in Zemlinskys Prager Zeit sehr schmal. Sein verantwortungsvoller und aufreibender Posten am Theater ließ ihm kaum Zeit für die kreative Arbeit, zumal er seit 1920 auch eine Meisterklasse für Komposition an der Deutschen Musikakademie in Prag leitete. Außerdem verwendete Zemlinsky gerade in diesen Jahren viel Energie und Zeit in die Suche nach geeigneten Opernstoffen und in deren erste Ausarbeitung; neben den beiden vollendeten Opern hat er zwischen 1912 und 1927 an nicht weniger als sechs weiteren Opernprojekten gearbeitet. Darüber hinaus entstanden auch Bearbeitungen früherer Werke: 1913/21 schrieb er eine Orchesterversion der „Maeterlinck-Gesänge“, 1922 eine neue Fassung seiner musikalischen Komödie „Kleider machen Leute“.

Die vollendeten Prager Werke, also das 2. und 3. Streichquartett, die Musik zu Shakespeares Drama „Cymbeline“, die „Lyrische Sinfonie“, „Eine florentinische Tragödie“ und „Der Zwerg“, zählen jedoch zu Zemlinskys bedeutendsten und erfolgreichsten Kompositionen.
Das 2. Streichquartett entstand 1913–15. In einem einzigen, vierfach unterteilten Satz von fast sinfonischen Dimensionen entfaltet Zemlinsky hier einen enormen Reichtum formaler und motivischer Bezüge. Auch wenn er in den späteren Quartetten tonsprachlich noch mehr wagte, darf dieses hochexpressive Quartett als sein kammermusikalisches Hauptwerk gelten.

Mit der „Lyrischen Sinfonie“ für eine Sopran- und Baritonstimme (1922–23) nach Texten von Rabindranath Tagore komponierte Zemlinsky sein reichstes Orchesterwerk. Wie in Mahlers „Lied von der Erde“, dem es nicht nur formal, sondern auch geistig eng verwandt ist, verbindet sich hier die sinfonische Anlage mit der Innerlichkeit des Liedes, der ureigensten Domäne sowohl Zemlinskys als auch Mahlers. Im klangfarblichen Reichtum des Orchesters geht Zemlinsky jedoch noch über Mahler hinaus – der von Adorno so gerühmte, eigentümlich „heiße“ Ton seiner Musik findet hier schönsten Ausdruck.

 

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Briefkarte Zemlinskys an Richard Specht, 11. 11. 1921.
Auch in Prag hatte Zemlinsky stets ein waches Auge für das Wiener Musikleben. Als Richard Specht 1921 einen Aufsatz über Wiener Musik veröffentlichte und Zemlinsky mit keinem Wort erwähnte, antwortete dieser mit einem Brief, dessen melancholischer und ironischer Ton typisch für Zemlinskys Diktion ist: „[…] es sind alle Namen drin. Selbst solche, die man durch diesen Aufsatz zum 1. Mal hört. (Wahrscheinlich auch solche, die man zum letzten Mal hört.) Einzig allein fehlt mein Name. Ich habe mich in meinem ganzen Leben über solche Dinge nicht beklagt. Heute zum 1. Mal. Mir ist der Grund zu dieser Beleidigung unverständlich. Bin ich kein Wiener? Nicht einer der echtesten in jeder Beziehung? Ist die Tatsche selbst in so einem Fall vergessen zu werden nicht schon ein Beweis meiner unverfälschten Zuständigkeit nach Wien? […]“