An der Kroll-Oper

Berlin 1927–1933


„Zemlinsky ist ganz große Klasse!“
Kurt Weill


Im September 1927 verließ Zemlinsky Prag und trat ein Engagement als Kapellmeister an der Berliner Kroll-Oper an.


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Berlin, Platz der Republik mit der „Kroll-Oper“, Fotografie um 1930. Das Haus wurde 1924 als zweite Spielstätte der Berliner Staatsoper eröffnet. Der offizielle Name war „Oper am Platz der Republik“, man sprach jedoch nur von der „Kroll-Oper“, da an gleicher Stelle bis zum 1. Weltkrieg ein Vergnügungszentrum „Krolls Etablissement“ gestanden hatte.

Von der Position her war dies ein Rückschritt, doch konnte Zemlinsky von der neuen Aufgabe spannendere künstlerische Impulse erwarten, als es in Prag nach 16 Jahren noch möglich war. Dies galt für den Spielplan des Hauses, der die Moderne stark berücksichtigte und offen für unkonventionelle Inszenierungen war, aber auch für die Begegnung mit vielen namhaften Künstlern: So dirigierten unter der Direktion Otto Klemperers neben Zemlinsky George Szell, Erich Kleiber und Leo Blech, als Regisseure und Bühnenbildner wirkten Größen wie László Moholy-Nagy, Gustav Gründgens, Oskar Schlemmer, Ewald Duelberg, Arthur Maria Rabenalt und Ernst Legal. Das „Experiment Kroll-Oper“ ging jedoch nur für kurze Zeit auf. Schnell stellte sich heraus, dass das ambitionierte Konzept künstlerisch nicht immer das hielt, was es versprach, dass es die breite Masse nicht erreichte und dass es schließlich politisch zunehmend ins Kreuzfeuer geriet. Da Zemlinsky zudem vor allem für das konventionellere Repertoire des Hauses zuständig war, gab es für ihn als Dirigenten nur wenige künstlerische Höhepunkte, so vor allem „Hoffmanns Erzählungen“ in der Ausstattung von Moholy-Nagy und 1931 die Aufführung von Weills „Mahagonny“ im Theater am Kurfürstendamm (Regie: Caspar Neher). Zu dieser Zeit war die Kroll-Oper bereits seit einem halben Jahr geschlossen – offiziell wegen Sparmaßnahmen, in Wahrheit aber auf Druck rechtsradikaler Kreise, denen der Stil des Hauses ein Dorn im Auge war.

Nach der Schließung des Theaters lehrte Zemlinsky an der Berliner Musikhochschule, dirigierte viel außerhalb Berlins, nahm einige Schallplatten auf und fand vor allem wieder mehr Zeit zum Komponieren. Im Mittelpunkt stand eine neue Oper, die er im Oktober 1932 vollendete: „Der Kreidekreis“ nach Klabund.


Am 31. 1. 1929 starb nach schwerer Krankheit Zemlinskys Frau Ida; nur ein Jahr später, am 4. 1. 1930, heiratete er die Sängerin Louise Sachsel, die er bereits 1915 in Prag kennengelernt hatte.


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Louise Sachsel, Fotografie um 1924. Zemlinsky hat die 1900 in Podwoloczyska (Ukraine) geborene Louise kennengelernt, als sie 1915 für den Chor des Prager Theaters vorsang und er ihr einige Gesangsstunden gab. Aus der Freundschaft zu der hübschen und intelligenten Sängerin wurde bald eine Liebesbeziehung. Nachdem Louise einige Jahre an der Wiener Musikakademie Gesang studiert hatte, sang sie 1924 in Prag als Solistin vor und wurde für kleinere Rollen engagiert. Auch an der Wiener Volksoper trat sie zweimal auf. Louise war auch eine begabte Malerin; sie studierte 1918–21 an der Prager Kunstakademie. Nachdem sie mit dem Singen aufgehört hatte, widmete sie sich ganz der Malerei und der Beschäftigung mit der Anthroposophie Rudolf Steiners.
Image Louise und Alexander Zemlinsky in den Dolomiten. Fotografie um 1930. Louise hat immer wieder betont, Alexander sei nicht so klein gewesen, wie oft behauptet wird: „Zemlinsky war mittelgroß. Das steht in seinem deutschen Paß. Er war so groß wie ich. Und ich war für eine Frau eher groß.“


Als nach Hitlers Machtergreifung eine berufliche Existenz für Zemlinsky in Berlin unmöglich wurde, verließ er mit ihr im Sommer 1933 die Stadt und kehrte nach Wien zurück.